Biberpolitische Kampfbegriffe
Der Begriff Framing (aus dem Englischen für „Einrahmung“) bezeichnet in der Kommunikations-, Medien- und Kognitionsforschung den Prozess, durch den die Art und Weise der Darstellung eines Sachverhalts die Wahrnehmung, Interpretation und Bewertung dieses Sachverhalts beim Empfänger beeinflusst. Es geht darum, einen Deutungsrahmen (einen „Frame“) zu setzen, der im Kopf des Rezipienten gespeichertes Weltwissen aktiviert und somit bestimmt, wie die Information verstanden wird. Framing ist eines der zentralen und mächtigsten Mittel in der politischen Auseinandersetzung.
Deshalb spielt Framing auch bei der Debatte um den Biber in Deutschland eine entscheidende, konfliktverschärfende Rolle. Es wird strategisch eingesetzt, um die streng geschützte Art als Bedrohung für die menschliche Ordnung darzustellen und so politische und juristische Eingriffe zu legitimieren.
Wenn Worte zählen ....
Wenn Menschen über den Biber sprechen, geht es schnell nicht mehr nur um das Tier selbst, sondern um einen tief sitzenden Konflikt zwischen Naturschutz und Landnutzung. Hier spielt die Sprache – das sogenannte Framing – eine entscheidende Rolle, denn sie beeinflusst, wie wir das Problem wahrnehmen und bewerten.
Framing bedeutet vereinfacht gesagt: Wie verpacke ich eine Tatsache, damit sie eine bestimmte Reaktion auslöst?
Landwirte, Teichwirte oder Anwohner, die durch Biberaktivitäten (Dämme, Überschwemmungen, Baumfällungen) Verluste erleiden, wählen oft Worte mit einem sehr negativen Unterton. Das ist Absicht, denn es geht darum, die Dringlichkeit der Situation zu unterstreichen und die Politik zum Handeln zu zwingen.
| Gesagt wird ... | Gemeint ist ... |
| "Biber-Befall" | "Wir sind Opfer. Wir haben die Kontrolle verloren. Der Biber nimmt uns unser Eigentum (die Felder, die Ufer) weg, und das ist ungerecht." |
| "Übervermehrung" | "Die Naturschutzbehörden haben das Problem aus dem Ruder laufen lassen. Sie sind inkompetent. Die einzige Lösung ist jetzt die Tötung (Entnahme), um die Zahlen zu senken." |
| "Biber-Plage" | "Dies ist kein normales Tier, das geschützt gehört. Es ist eine Naturkatastrophe oder eine Krankheit, die sofort beseitigt werden muss, bevor sie unsere Existenz vernichtet." |
| "Biber sind Schädlinge" | "Dieses Tier beeinträchtigt private ökonomische Interessen und ist darum weniger schutzwürdig. Das Gesetz muss unsere Erträge und unser Eigentum höher bewerten als das Tierwohl." |
Die Rolle der Sprache im Konflikt
Diese negative Wortwahl ist ein mächtiges politisches Mittel:
Emotionale Eskalation: Begriffe wie "Plage" erzeugen Angst und Wut bei den Betroffenen. Sie verwandeln einen Sachkonflikt (Wer trägt die Kosten für den Biber?) in einen moralischen Kampf (Wir gegen den Zerstörer).
Ablenkung von der Ursache: Das Framing legt die alleinige Schuld für die Schäden beim Biber. Es blendet aus, dass der Mensch oft selbst die Probleme schafft, indem er Gewässer begradigt oder Felder bis direkt ans Ufer pflügt. Der Biber reagiert auf diese Ordnung, indem er Dämme baut, um zu überleben.
Legitimierung harter Maßnahmen: Nur wenn das Tier als "Plage" oder "Schädling" gilt, kann der Wunsch nach seiner Entfernung oder Tötung politisch und juristisch begründet werden, selbst wenn der Biber streng geschützt ist.
Kurz gesagt: Wenn in der Biber-Debatte von "Befall" oder "Plage" gesprochen wird, geht es weniger um eine biologische Beschreibung als um den politischen Versuch, die Kosten und die Verantwortung für den Konflikt vom Menschen auf den Biber zu verschieben und härtere Maßnahmen zu fordern.
Was sagt die Wissenschaft?
Hier sind die zentralen Argumente aus biologischer Sicht, die das negative Framing widerlegen:
Plage/Übervermehrung: Der Biber ist kein Plagetier, das sich unkontrolliert vermehrt. Er ist ein territoriales Wildtier. Ein Revier wird immer nur von einer Biberfamilie besiedelt (Eltern und Nachwuchs). Es werden nur einmal pro Jahr zwei bis vier Junge geboren. Sie bekommen frühestens nach drei Jahren selber Nachwuchs, sofern sie die ersten Lebensjahre überleben (hohe Jungtiersterblichkeit). Sobald das Revier belegt ist, wandern Jungbiber ab, um eigene Reviere zu gründen. Die Bestandsdichte wird durch die Reviergrenzen und das Nahrungsangebot selbst reguliert. Es gibt keine "Biber-Massenansammlung" im Sinne einer Plage.
Befall/Schädling: Der Biber ist kein Schädling, sondern ein Ökosystem-Ingenieur. Seine Aktivitäten sind keine wahllosen Zerstörungen, sondern dienen dem Überleben der Familie an Standorten, die eigentlich keine optimalen Bedingungen aufweisen. Der Biber wird zum Problem, weil der Mensch Ackerflächen oft bis direkt an das Gewässer heranführt. Die meisten Gewässer in Deutschland wurden begradigt, vertieft und kanalisiert (sie entsprechen damit oft nicht der EU-Wasserrahmenrichtlinie). In diesen unnatürlichen, flachen Kanälen, die einer altrömischen Wasserleitung ähnlicher sind als einem lebendigem Bach, ist der Biber gezwungen, Dämme zu bauen, um seine Biologie zu erfüllen. Der Konflikt entsteht also, weil der Mensch dem Biber den natürlichen Lebensraum genommen hat.