Das Biber-Konzept Niedersachsen

Am 22.08.2025 stellte Umweltminister Christian Meyer den Entwurf des "Handlungskonzept Biber in Niedersachsen" (Download) der Öffentlichkeit vor. Das Konzept entstand im Rahmen eines Auftrags des Landtags vom Mai 2023. Es soll den "artgerechten Umgang mit Bibern an Niedersachsens Gewässern sicherstellen und eine fachkompetente Beratung ermöglichen“. Die Erarbeitung erfolgte federführend durch das Artenschutz-Referat des Umweltministeriums und unter Beteiligung eines mehrmals tagenden Runden Tisches, dem Vertreter*innen Unterer Naturschutzbehörden, der Landwirtschaftskammer, des Landvolks, der Unterhaltungsverbänden sowie Jagd- sowie Angler- und Umweltverbänden angehörten.

Umweltminister Christian Meyer begrüßte bei der Konzeptvorstellung ausdrücklich: „Der Biber ist überwiegend eine Bereicherung für die Gewässer in Niedersachsen. Er schafft mit seiner Bautätigkeit für die Natur hervorragende Lebensräume und unterstützt den Wasserrückhalt sowie die Renaturierung der Gewässer. Biber können damit wertvolle Beiträge zur ökologischen Resilienz der Landschaft leisten – ein Aspekt, der im Zuge des Klimawandels immer wichtiger wird.“ Auch in der Zusammenfassung des rund 30-seitigen Konzepts heißt es: "Durch die aktive Gestaltung seines Lebensraumes hat der Biber einen positiven Einfluss auf die ökologische Qualität der Fließgewässer mit ihren Auen und auf die Artenvielfalt. Zudem verstärken die Aktivitäten des Bibers den Wasserrückhalt in der Landschaft. Dadurch kann er sowohl zur Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie als auch der FFH-Richtlinie beitragen."

Angesichts der Herausforderungen, vor denen Gesellschaft und Politik angesichts der Klima- und Biodiversitätskrise stehen, schreien diese naturschutzfachlichen Positionsbeschreibungen förmlich nach einem Biber-Artenschutzprogramm, das den Landschaftsgestalter und Ökosystem-Ingenieur - oder welche Bezeichnungen einem zur Beschreibung der landschaftsökologischen Vorteile des Bibers auch immer einfallen - in den Mittelpunkt stellt und die Frage beantwortet, wie wir uns in einer stark veränderten Kulturlandschaft die Ökosystemleistungen des "Systems Biber" bestmöglich nutzbar machen sowie mit anderen legitimen und notwendigen Landnutungen in Einklang bringen können.

Biber sind kein Allheilmittel

Natürlich sind Biber keine Allheilmittel. Schon gar nicht für Sachen, die wir als Gesellschaft verbockt haben. Sie sind Lebewesen, die "ihr Ding" machen. Ihr Interesse ist nicht der natürliche Klimaschutz oder die Förderung von Landschaftswasserhaushalt oder Biodiversität. Ihr Interesse ist es, in den ausgeräumten Gewässerlandschaften, die kaum noch etwas mit dem gemein haben, was Bäche oder Flüsse in gutem ökologischen Zustand kennzeichnet, zu überleben und den Nachwuchs zur Fortpflanzungsreife zu bringen.

Aber sie können uns helfen, unsere Bäche und Flüsse wieder lebendig zu machen. Wenn unsere Gesellschaft es erlaubt und wir Bächen und Flüssen wieder Raum geben, dann:

  • verlangsamen sie mit ihren Dämmen den Abfluss der Niederschläge nach Starkregenereignissen und mindern Überschwemmungsrisiken
  • geben sie den Niederschlägen mehr Zeit ins Grundwasser einzudringen, anstatt umgehend über die ausgebauten Vorfluter abzufließen
  • halten sie insbesondere Nährstoffe, die in die Gewässer u.a. von Nutzflächen eingetragen werden, in ihren Teichen zurück
  • schaffen sie "hot spots" der Biodiversität in der Landschaft, die ihresgleichen suchen.

Von alldem findet man im Biber-Konzept wenig bis nichts; denn es ist keine von den verschiedenen Stakeholdern im Konsens verabredete Strategie zum Umgang mit dem Biber. Es vielmehr eine Handlungsempfehlung und eine Aufbereitung des Rechtsrahmens für die im Bibermanagement herausgeforderten und zumeist unerfahrenen Unteren Naturschutzbehörden. Deshalb finden das "Musterformular zur Statusprüfung von Biberdämmen", die Visualisierung der "Informationskette Bibermanagament Niedersachsen" oder die "Tabellen zur Entscheidungsfindung bei Konflikten" darin Platz, während naturschutzpolitische oder -fachliche Konzepte eines ökosytemorientierten Artenschutzes vollkommen fehlen.

Es geht auch anders - Schottland zeigt's

Dabei geht es durchaus anders. Die "Scotland's Beaver Strategy 2022-2045" (Download) zeigt es. An ihrer Entwicklung waren mehr als 50 Interessenverbände beteiligt. Die Naturschutzorganisation bezeichnet die Strategie sogar als den "ehrgeizigsten und zukunftsweisendsten" Ansatz zum Management und zur Bewahrung einer Art, der in Großbritannien bislang entwickelt wurde.

Gemeinsam vereinbarte man sich auf folgende Ziele bzw Indikatoren, die spätestens bis 2045 erreicht werden sollen:

  • Biber in Schottland haben einen günstigen Erhaltungszustand erreicht und halten diesen aufrecht.
  • Biberpopulationen sind durch Netzwerke verbesserter und erweiterter Feuchtgebiete und Uferhabitate miteinander verbunden.
  • Negative Auswirkungen auf Umweltinteressen oder sozioökonomische Vermögenswerte, einschließlich Land, werden zeitnah und wirksam bewältigt bzw. gemildert.
  • Gemeinden in ganz Schottland fühlen sich befähigt, informiert zu handeln, um die Biberpräsenz und ihre positiven Auswirkungen zu fördern und zu nutzen sowie die Erfahrungen zu beobachten und daraus zu lernen.
  • Der ökologische, soziokulturelle und wirtschaftliche Nutzen von Bibern wurde landesweit umfassend bewertet und effektiv kommuniziert.
  • Forschung und Monitoring sind in alle Managementmaßnahmen integriert, um die Effektivität und Effizienz der Maßnahmen zu verbessern.
  • Das Vertrauen der Stakeholder in die Strategieumsetzung wird durch effektive Kommunikation, transparente Entscheidungsfindung und gegenseitigen Respekt gefördert.

Die Strategie baut auf die Säulen Naturschutz. Umsiedlung. Management und Minderung sowie Forschung und Innovation auf. Sie zielt auf umfassendere Bemühungen zur Förderung der Biberausbreitung sowie auf entsprechende Management- und Schadensbegrenzungsmaßnahmen ab. Dabei schließt sich soziale, kulturelle oder ökonomische Aspekte ein. Sie enthält Pläne, um Gemeinden zu befähigen und zu unterstützen, den ökologischen und weiteren Nutzen der Biber zu maximieren und gleichzeitig negative Auswirkungen durch effektives Management und Schadensbegrenzung zu minimieren.

Die Strategie unterstreicht die Notwendigkeit kontinuierlicher Forschung und Überwachung der Biberpopulation und ihrer Auswirkungen. Dies wird das Management im Zuge des Populationswachstums mithilfe bestehender und neuer Techniken und Technologien verbessern. Sie wird auch dazu beitragen, herauszufinden, wie Menschen und Ökosysteme am meisten von der Anwesenheit der Biber profitieren können.

Was bleibt?!

Das Ergebnis ist ernüchternd und Positives muss gesucht werden. Dazu gehört, dass das Umweltministerium seiner Verpflichtung gegenüber dem Landtag nachgekommen ist und das geforderte Handlungskonzept erarbeitet hat. Positiv kann man auch werten, dass Niedersachsen dafür weniger Zeit gebraucht hat, als andere Bundesländer.

Aber dann wird es auch schon eng; denn dem Papier fehlt jede Art von politischem Ansatz. Es berücksichtigt hingegen die Empfehlung des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt, der sagte: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Denn eine Vision fehlt vollständig - weder naturschutzpolitisch noch naturschutzfachlich. Dabei würde gerade eine Tierart wie der Biber, deren ökologischen Serviceleistungen und deren Potentiale zur Bewältigung von Zukunftsherausforderungen - heißen sie Dürre, Starkregen, Vegetationsbrände, Biodiversitätsverlust oder anders - in zahlreichen wissenschaftlichen Studien beschrieben und durch die Praxis bestätig sind, einen Beitrag leisten können.

Aber was kann man erwarten, wenn man mit Interessenvertreter*innen an einem Runden Tisch sitzt, denen beim Stichwort Biber nur einfällt, dass Edellaubhölzer gefressen werden oder Kartoffeln im Biberteich verfaulen könnten, und deren intellektueller Horizont deshalb nur bis zum Thema Entschädigung und zu einfachen "Wegmach-Lösungen" für Biberbauten reicht?!

Da wünscht man sich dann jemanden mit dem Weitblick von thescottishfarmer.co.uk: "However, the chances of success would be so much higher if farming representatives recognised that climate, not beavers, is the greatest threat that the industry faces and lobbied for measures that would actually improve the situation."

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Siehe auch: Masterplan Wasser Niedersachsen